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07.08.2016 16:25

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06.07.2015 12:20 Alter: 3 yrs

SZ-Artikel "Ramadan bedeutet: Beten, fasten, Gutes tun." mit Kurzstatement des tgb-Sprechers Dr. Vural Ünlü

Von: Jakob Wetzel

•  Fast jeder zehnte Münchner ist Muslim. Der islamische Fastenmonat Ramadan, der noch bis zum 16. Juli dauert, fällt dieses Jahr auf den Hochsommer - und ist deshalb besonders anstrengend.

•  Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang ist Essen, Trinken, Rauchen und Sex tabu.

•  Für viele Gläubige bedeutet das nicht nur Verzicht, sie treffen sich in dieser Zeit oft mit Freunden, tun Gutes oder gehen nachts in die Moschee.

Kemal Altunkaynak hat eine nachsichtige Ehefrau, und das ist sein Glück, denn andernfalls hätte er in diesen Tagen ein Problem. Altunkaynak ist Taxi-Unternehmer und Vorstandsmitglied im Deutsch-Türkischen Kulturverein an der Heidemannstraße in München-Milbertshofen.

Und weil derzeit der islamische Fastenmonat Ramadan ist, lädt sein Verein jeden Abend die Bewohner der benachbarten Bayernkaserne zum Iftar, dem traditionellen Fastenbrechen ein. Für Altunkaynak bedeutet das: Von sieben bis17 Uhr fährt er Taxi, danach spricht er kurz mit seiner Frau. Und dann beginnt sein Ehrenamt, oder besser: sein Zweitjob.

Zuerst geht er Nahrungsmittel einkaufen für 400 bis 600 Asylbewerber, das Geld stammt aus Spenden. Dann hilft er beim Kochen und, nach Sonnenuntergang um etwa 21.30 Uhr, beim Austeilen. Es gibt Suppe und Brot, ein Hauptgericht mit Fleisch, Süßigkeiten stehen auf dem Tisch.

Altunkaynak selbst fastet auch, er hat ebenfalls seit Sonnenaufgang um etwa halb vier Uhr am Morgen nichts mehr gegessen, aber die anderen gehen vor. Bis er selbst das Fasten brechen kann, sei es oft bereits halb elf Uhr abends, sagt er. Bis er zu Hause sei, 23 Uhr.

Im Grunde lebt er in diesem Monat nur für die Arbeit und für das Fastenbrechen im Kulturverein. Die Familie, die traditionellen Iftar-Einladungen der Nachbarn, das alles kommt etwas kurz. Aber es ist ihm wichtig, im Ramadan solle man ja nicht nur fasten, sondern sich auch um Bedürftige kümmern, sagt er. "Und meine Frau versteht das. Gott sei Dank."

In München leben etwa 1,5 Millionen Menschen, fast jeder Zehnte von ihnen ist Muslim. Und von diesen wiederum fasten etwa zwei Drittel, schätzt Vural Ünlü, der Vorstandsvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Bayern. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Anlass, aufeinander zuzugehen

Aber auch für die anderen ist der Ramadan und besonders das Fastenbrechen ein Anlass, um aufeinander zuzugehen. Mittlerweile laden zunehmend auch nicht-muslimische Institutionen zum Iftar ein: Finanz- und Heimatminister Markus Söder (CSU) zum Beispiel hat im Juni im Namen der Staatsregierung zum Fastenbrechen nach Nürnberg eingeladen, die bayerische SPD organisierte einen Iftar im Landtag in München.

Der Bayerische Rundfunk, der zuletzt im Internet wegen eines Halbmond-Logos zum Ramadan angefeindet wurde, veranstaltet ein Fastenbrechen, und selbst das US-amerikanische Generalkonsulat hat vergangene Woche zum Iftar geladen, nicht zum ersten Mal.

Die vielen Einladungen zum gemeinsamen Essen seien großartig, ein Zeichen der Dialogbereitschaft, sagt Ünlü. Und auch wenn er selbst nicht fastet, er spüre darin Nestwärme.

Zeit für spirituelle Erneuerung

Denn gläubigen Muslimen bedeutet das Fasten und Fastenbrechen viel. Benjamin Idriz ist Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg und Vorsitzender des Münchner Forums für Islam. Er erlebe den Ramadan als spirituelle Erneuerung, sagt er: Der Monat gebe ihm Gelegenheit, sich mit dem Leben anderer und mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Für einen Imam sei Ramadan eine "gewaltige Aufgabe", vor allem zum Nachtgebet kämen viele Gläubige in die Moschee. Weil der Ramadan außerdem der Geburtsmonat des Koran sei, lese der Imam traditionell jeden Tag 20 Seiten aus diesem 600 Seiten umfassenden Buch.

Die Lektüre nennt Idriz eine "neue dynamische Botschaft": Nach vier Wochen Beten und Fasten sei er deshalb nicht erschöpft, sondern fühle sich geradezu erfrischt.

Wie viele Münchner Muslime fasten, davon erzählt Muhi Mustafa. Er selbst fastet zwar nicht, er muss Tabletten nehmen. Aber er betreibt einen Obststand am Orleansplatz und verkauft im Ramadan deutlich mehr teure Datteln als sonst: Mit diesen wird traditionell das Fasten gebrochen.

"Im Ramadan gibt's nun mal jeden Abend ein Bombenessen, da wird nicht gegeizt, denn der Ramadan ist ein Monat der Güte", sagt Mustafa. Seine Mutter arbeitet mit am Stand. Sie fastet - auch wenn es anstrengend ist, "wenn man den ganzen Tag Obst verkauft und es nicht essen kann".

Wie wichtig vielen Muslimen das Fasten ist, weiß auch Savas Tetik, der Leiter des Infozentrums Migration und Arbeit der Arbeiterwohlfahrt. Er selbst fastet nicht, wohl aber einige der Tagelöhner, die er berät, in seinem Büro an der Schwanthalerstraße oder auf der Straße.

Sie fasten, obwohl viele von ihnen schwer arbeiten und keine eigene Wohnung haben, in der sie mit Freunden und der Familie das Fasten brechen könnten. Einige leben im Arbeiterwohnheim, gemeinsam mit Nicht-Muslimen, die normal essen und trinken.

"Das ist schon einmal schwierig auszuhalten", sagt Tetik. Aber das Fasten lassen sich diese Tagelöhner nicht nehmen. "Sie tragen den ganzen Tag ihr Essen mit sich herum, und abends treffen sie sich dann mit Freunden und Bekannten im Park, oder sie brechen das Fasten auf der Straße."

Iftar-Abend für Tagelöhner

Um ihnen einen schöneren Rahmen zu bieten, haben Tetik und sein Team im vergangenen Jahr einen Iftar-Abend für die Tagelöhner organisiert. Das Essen hatten Geschäftsleute finanziert. Etwa 50 Menschen kamen. In diesem Jahr will Tetik erneut zum Fastenbrechen einladen, einen Termin gibt es noch nicht.

Dabei müssten Tagelöhner das Fastengebot aus religiösen Gründen nicht befolgen: Wer schwer arbeitet, der darf das Fasten unterbrechen und später nachholen. "Aber das wollen sie nicht", sagt Tetik.

Gäben sie das Fasten auf, würden sie sich so fühlen, als würden sie sich selbst aufgeben, erklärt er. "Sie sagen sich: Wir leben ja noch! Und deswegen halten sie auch am Fasten fest."

Verständnis für das Fasten hat freilich nicht jeder, auch nicht jeder Muslim. Im Grunde müsse es jeder selbst wissen, sagt Senol Duman. Doch dem 2. Abteilungsleiter beim Fußball-Landesligisten Türkgücü Ataspor München sind Spieler lieber, die den Sport in den Vordergrund stellen.

Seit zweieinhalb Wochen laufe die Vorbereitung mit einer neuen Mannschaft, das koste Kraft. Und bei der Hitze sei regelmäßiges Trinken wichtig, das habe er zuletzt auch einem Spieler gesagt, der sich in einer extra eingerichteten Trinkpause das Wasser nur über den Kopf geschüttet habe.

Es gebe auch Spieler, die zu Trainingszeiten fasten, zu Spielen aber eine Ausnahme machen, sagt Duman. "Man muss eben sehen, wie die das durchhalten."

Eier und Vollkornbrot um drei Uhr morgens

Mit dem Durchhalten hat Kemal Altunkaynak kein Problem. "Die ersten zwei Tage sind immer schwierig, das muss man zugeben", sagt er. Aber dann stelle sich der Körper um. Seiner Arbeit geht der Taxifahrer auch während des Ramadan normal nach.

Nur steht er eben um drei Uhr morgens auf und isst, am liebsten Eier, gerne auch Vollkornbrot: "Das sättigt, und das lässt mich durchhalten. Aber da hat jeder seine eigenen Vorlieben." Nach der Arbeit um 17 Uhr sei er zwar müde, sagt Altunkaynak. Aber in seinem Verein, wenn er sich für die Asylbewerber engagiere, spüre er die Müdigkeit gar nicht mehr.

Und für seine Gesundheit sei das Fasten sogar ganz gut. Schließlich sei er etwas übergewichtig. "Ich war letztens beim Arzt", erzählt Altunkaynak. "Der hat Blut abgenommen, und dann hat er gesagt: Na so was, alle Werte sind ja in Ordnung! Bis er darauf gekommen ist, woran es liegt: dass ich faste."